Den in Reggio di Calabria geborenen Boccioni zog es im Alter von 18 Jahren
nach Rom. Dort machte ihn der Maler Giacomo Balla mit der
neoimpressionistischen Maltechnik des Divisionismus, dem dynamischen
Einsatz von Elementarfarben, vertraut. 1910 begegnete er dem geistigen
Vater des Futurismus, dem Schriftsteller Marinetti. Von dieser jungen,
revolutionären Bewegung, die einen positiven Glauben in die permanente
Erneuerung ausstrahlte, fühlte er sich angezogen. Der Welt eröffneten sich
die nie gekannten Möglichkeiten, die die Entdeckung der Elektrizität und
die Erfindung des photographischen Materials boten. Der Künstler musste
daran teilhaben, statt zu versuchen, im Elfenbeinturm zeitlose ästhetische
Kunstwerke für die Ewigkeit zu schaffen. Es war seine Aufgabe, „das
moderne Leben, das von den Triumphen der Wissenschaft immerfort auf
überrumpelnde Weise transformiert wurde, auf begeisternde, kreative Weise
zum Ausdruck zu bringen“. In kurzer Zeit entwickelte sich Boccioni, der
zahllose Manifeste verfasste, zum Theoretiker und führenden Vertreter des
Futurismus. Als Italien 1915 in den 1. Weltkrieg eintrat, zogen die
patriotischen Futuristen, unter ihnen auch Boccioni, freiwillig in den
Krieg. In ihren Augen war die italienische Kriegsbeteiligung in erster
Linie der letzte Schritt auf dem Weg der nationalen Wiedervereinigung. Das
Soldatenleben war jedoch anders, als der streitbare Boccioni es sich
vorgestellt hatte. Einem Freund schrieb er: „Ich werde dieses Leben mit
der größten Verachtung all dessen, was keine Kunst ist, hinter mir lassen.
…. Verglichen mit Kunst ist alles Übrige nichts anderes als Getrampel,
Trott, Geduld und Erinnerung.“ Fünf Tage, nachdem er diese Worte zu Papier
gebracht hatte, starb er an den Folgen eines Sturzes von seinem Pferd.
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BOC01
h. 17 cm |
Forme uniche della continuità nello
spazio (1913)
1912 schrieb Boccioni das „Manifesto
technico della scultura futuristica“ (das Technische Manifest der
futuristischen Bildhauerei). Er propagierte das Experimentieren mit
der gleichzeitigen Verwendung unterschiedlicher Werkstoffe in
dynamischen Formen, wobei die „abstrakte Rekonstruktion und nicht die
figurative, Form bestimmende Bedeutung von Flächen und Raumkörpern“
zum Ausdruck gebracht werden soll. In der Bronzestatue mit dem
treffenden Titel „Urform der Bewegung im Raum“ erkennt man die Art und
Weise, wie er als Futurist im Leben stand: vital, dynamisch und
zukunftsorientiert
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